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Elsassreise zu den Lieferanten

26. und 27. Mai 2022

Elsass als Tourismusregion? Hm, irgendwie hängt ein wenig der Nimbus der Verstaubtheit über diesem Landstrich, eine Destination für Busreisen, wo weinselig gemachte Senioren durch blumengeschmückte Fachwerkdörfer gescheucht werden, um unnötigen Andenkenplunder zu erstehen. Ja, wenn man genau das sucht, wird man sicher fündig werden. Zum Glück ist das Elsass landschaftlich und kulturell so vielfältig, dass man ganz entspannt eine oder zwei Wochen sehr abwechslungsreichen Urlaub im wahrsten Sinne genießen kann.

Petra, Franz und ich dampften diese Zeitspanne auf zwei intensive Tage ein. Besuche bei allen meinen drei Alsace-Winzern, Natur und Kultur wollten untergebracht werden, schließlich waren wir nur auf Durchreise nach Vézelay, Burgund.

Domaine Agapé

Unterkunft für zwei Nächte fanden wir in einer angenehmen Ferienwohnung der Domaine Agapé in Riquewihr, einem touristischen Hotspot erster Güte. Vincent Sipp entstammt der Weinbauern-Dynastie der Sipps. 2007 gründete er seinen eigenen Betrieb, um seine Vorstellung von Wein auch konsequent umsetzen zu können.

Riquewihr Dolder
Frühmorgens in Riquewihr, touristenfrei.

Wenn ich Vincent und seine Frau Clarisse mit einem Wort beschreiben müsste, wäre das „Herzlichkeit“. Anfangs, noch erledigt von 9 Stunden Autofahrt war diese ungekünstelte Herzlichkeit beinahe überfordernd. Nach den ersten Kostgläsern ließen wir uns aber gerne zu ihrem Restaurantbesuch mit Freunden dazueinladen. Mit Einheimischen lernt man die Gastronomie einer Region gleich richtig kennen, natürlich fernab der Touristenfallen.

Essen im Elsass

Was speist man? Vieles, das auch in Österreich vorkommt. Jede Menge Schweinernes, Bauernschmaus mit Sauerkraut, Stelze, Kalbsgeschnetzeltes, Flussfische wie Karpfen, Forelle und Zander, Germknödel, Gugelhupf, also durchaus deftig. Aber auch eher eigentümliches, ebenso deftiges wie Schnecken, Gänseleber und Flammkuchen. Diese tarte flambée besteht aus einem sehr dünn ausgewalkten Brotteig, der in der klassischen Variante mit einer Art Sauerrahm, roten Zwiebeln und Speck belegt und im Ofen bei hoher Temperatur knusprig gebacken wird. Die Elsässer verputzen in größerer Runde einige Flammkuchen gemeinsam als Vorspeise, dazu wird meist ein Sylvaner oder Pinot Blanc gereicht. Vincent orderte einen Pinot Blanc aus dem eigenen Keller, der passte wirklich hervorragend.

Übrigens ist die Dichte an gehobener Küche und Sternerestaurants sehr hoch. Gut essen ist jedenfalls ziemlich einfach.

Schnecken
Schnecken stehen sooft wie möglich am Speiseplan.

Die Weine von Agapé

Vincent macht sich viele Gedanken. Terroir, Klimawandel, Image des Vin d’Alsace, Vermarktung, Konkurrenz (positiver wie negativer Art), sehr schnell befindet man sich in einer regen und witzigen Diskussion über diese Themen. Er erzählt gern, hat unglaublich viel praktisches und theoretisches Wissen und einen klaren Blick, und er scheut sich auch nicht, die Probleme direkt anzusprechen. Obwohl viele junge, engagierte Weinbauern zusehends die Betriebe und Wirtschaftsweisen ihrer Eltern umkrempeln, den biologischen Anbau und neue Ausbaumethoden (Naturwein, Orange, …) forcieren, herrscht noch ein großes Beharrungsvermögen bei den wichtigen Entscheidungsträgern. Die Weinwelt ist auch im Elsass im Umbruch, schneller als in noch traditionelleren Regionen wie dem Burgund oder der Champagne, aber für Vincent‘ Geschmack viel zu langsam.

„Kommt ihr mit dem Pinot Noir als einziger roter Traube durch den Klimawandel?“ – „Nein, unmöglich.“

Leicht provokant: „Willst Syrah pflanzen?“ – „Ja, wir müssen schnell damit beginnen.“

Vincent Sipp im Gespräch
Im Gespräch

Die Weine der Domaine Agapé sind durch die Bank wie eine flüssige Verkörperung des Winzerpaares: großzügig, aber ohne süßlichem Beiwerk.

Pinot Blanc, Sylvaner, Riesling und Pinot Gris aus der Reihe Expression vereinen Frucht und Genuss sehr gelungen, fördern die Trinkfreude und ermüden den Gaumen nicht. Sie sind sehr universelle Speisenbegleiter, auch zu asiatischer Küche. Daher haben Weine aus dem Elsass eine solide Fangemeinde in Ostasien. Koreanische Importeure nehmen ung’schaut eine Palette Riesling, erklärte Vincent, nachdem ich irritiert das Rückenetikett mit mir unbekannten Schriftzeichen studiert hatte.

Äußerst interessant war die vergleichende Verkostung zweier Rieslinge aus den Grand Cru Lagen Osterberg und Rosacker. Dazu ein kleiner Exkurs zu diesen besonderen Weinen.

Grand Cru im Elsass

Grand Cru (Großes Gewächs) bedeutet im Elsass eine herausgehobene Einzellage, die ein gutes Terroir exemplarisch abbildet, d.h. Geologie, Boden, Hangausrichtung sollten ziemlich homogen sein. Seit 1975 wurden insgesamt nach langem Hickhack 51 Lagen ausgewiesen. Die sogenannten edlen Rebsorten Riesling, Pinot Gris, Gewürztraminer und Muscat dürfen reinsortig als Grand Cru bezeichnet werden. Nur am Zotzenberg in Mittelbergheim darf auch der Sylvaner zu diesen Weihen kommen. Nicht jedes Weingut ist mit Grand Crus gesegnet. Ein Segen, weil erstens diese Weine fast immer die qualitative Speerspitze bilden und zweitens auch preislich sehr, sehr deutlich an der Spitze liegen. Wenn man sich intensiver mit den Weinen des Elsass auseinandersetzen möchte, sollte man sich die Eigenheiten der wichtigen Lagen intellektuell und sensorisch aneignen.

Zurück zu den Grand Crus von Vincent. Beachtliche drei Lagen, hauptsächlich mit Riesling bestockt, kann Agapè vorweisen: Schoenenbourg in Riquewihr, Rosacker in Hunawihr und Osterberg in Ribeauvillé.

Schoenenbourg ist die sonnenverwöhnte, steilere Südlage direkt oberhalb des Ortes. Den Weinen merkt man die Sonne auch an, der Riesling wird relativ früh gelesen, bringt klare, kräftige Frucht, jedoch mit Lagerpotential.

Riquewihr Grand Cru Schoenenbourg
Blick aus dem Appartement Schoenenbourg auf den Grand Cru Schoenenbourg

Der Osterberg an einem Osthang mit leichten Böden liefert hohe Säurewerte und Frische, kombiniert mit guter Substanz durch späte Lese. Fruchtigkeit und Mineralität verbinden sich harmonisch. Ein Riesling wie aus einem Guss.

Der Rosacker ist die Paradelage, und wie ich das verstanden habe, auch Vincent‘ persönlicher Favorit. Die Nähe zum Wald, steile, südöstliche Ausrichtung, Kalkböden und eine langsame Ausreifung der Trauben bringen Konzentration, gute Säure, feine Salzigkeit und Mineralität. Ein Wein, wie gemacht für langes Lagern. Im Alter erscheinen kaum Petrolnoten (Tankstellengeruch), welche ja manche Konsumenten von gereiften Rieslingen Abstand nehmen lassen.

Das durften wir auch gleich überprüfen. Zur Nachspeise bei unserem abendlichen Picknick mit Clarisse und Vincent opferte der Hausherr eine seiner letzten Flaschen Rosacker 2008. Was soll ich sagen, ein Traum zum Niederknien. Der Wein erreichte eine tolle Tiefe, viel reife Marille und die Säure zog noch klar über den Gaumen.

Riesling Rosacker 2008
Rosacker 2008, karaffiert

Als würdiger Abschluss der Verkostung bei der Domaine Agapé kam ein Gewürztraminer Vendanges Tardives aus dem Jahr 2010 auf den Tisch. Die Süße in dieser Auslese hat sich schon ein wenig zurückgezogen, viel Gewürz und feine Säure runden perfekt ab. Sehr, sehr guter Wein.

Fazit: Tolle Menschen, tolle Weine. Hoffentlich schaffen Clarisse und Vincent es, im Winter nach Wien zu reisen, das würde garantiert ein legendärer Verkostungsabend werden.

Domaine Jean-Claude Buecher

Franck, der dynamische Juniorchef des Hauses, überantwortete unsere Verkostung seiner Mutter Sylviane, die uns als erste Gäste an einem Freitag um 10 Uhr in Wettolsheim nahe Colmar fürsorglich betreute und uns in die Geheimnisse des Crémant d’Alsace einweihte. Buecher hat nämlich als Alleinstellungsmerkmal der einzige Nur-Schaumweinerzeuger im Elsass zu sein. Jahrzehntelange Erfahrung bündelt sich somit in bemerkenswerter Qualität, die so manchem Champagnerhaus gut anstehen würde.

Wettolsheim Grand Cru Hengst
Wettolsheimer Weinberge

Was ist Crémant und was macht einen guten Crémant aus?

Es ist einfach gesprochen die Bezeichnung für einen Schaumwein aus acht definierten Weinregionen Frankreichs, der mittels traditioneller Flaschengärung hergestellt wird. D.h. bereits fertig vergorener Weißwein wird in die bekannten Sektflaschen gefüllt und eine Mischung aus Zucker und Hefen beigefügt. Die Hefen wandeln in einer zweiten Gärung in der geschlossenen Flasche den Zucker in Alkohol und Kohlendioxid um. Da das CO2 durch den Kronkorken nicht entweichen kann, löst es sich, die Bläschen sind geboren. Je länger die Flasche im Keller ruhen darf, desto feiner entwickeln sich die Bläschen (Perlage). Gleichzeitig sterben die Hefezellen nach getaner Arbeit ab und je länger sie in Kontakt mit dem Schaumwein bleiben, desto komplexer präsentiert sich das Aromen- und Geschmacksspektrum.

Wird es langsam Zeit zum Abfüllen und Etikettieren, befördert das berühmte Rütteln und Schiefstellen der Flaschen die Hefe in den Flaschenhals. Beim Entfernen des Kronkorkens (Degorgement) schießen der Hefepropfen und ein wenig Schaumwein durch den innewohnenden Druck aus der Flasche. Die fehlende Menge wird mit der Dosage ausgeglichen, entweder Schaumwein aus anderen Flaschen oder mit einem Zuckerzusatz, der die Herbe bzw. Süße steuert. Hohe Zuckergehalte schmeicheln nicht nur dem Gaumen, sondern täuschen auch über qualitative Mängel des Schaumweins hinweg.

Also, die Voraussetzungen für guten Crémant sind

  • Erstklassige Trauben bringen guten Grundwein, Resteverwertung minderwertigen Weins durch Versektung rächt sich umgehend.
  • Lange Lagerung im Keller auf der Hefe (sur lattes), jedenfalls deutlich über den Minimalvorgaben der Regelwerke.
  • Eher niedrige Dosage („Zero“ bis niedriger „Brut“ Wert: 0 bis ca. 8 g Zucker / Liter.)

Buecher lässt seine Crémants mindestens das Doppelte der vorgeschriebenen 9 Monate auf der Hefe  liegen und füllt grundsätzlich nur mit Zero Dosage ab! Das ist schon mal eine klare Ansage.

Die Weine von Buecher

Als Einstieg kam der Esquisse zu seinen Ehren, je ein Drittel Pinot Blanc, Auxerrois und Pinot Noir von jungen Reben, derzeit 21 Monate auf der Hefe gelegen. Ein frischer, aber doch substanzreicher Schaumwein für den gepflegten Aperitif. Möchte ich umgehend ins Programm aufnehmen, leider hat er den kleinen Nachteil, dass er derzeit ausverkauft ist und vielleicht erst im nächsten Jahr wieder ein Kontingent zur Verfügung stehen wird.

Die gleiche Rebsortenzusammensetzung, jedoch von alten Reben liefert der Reflets 2016. Das letzte Degorgement lässt ihm schon 57 Monate Zeit im Keller zu einer gestandenen, eher mineralischen Charakteristik zu reifen. Großes Kino zu fairem Preis.

Die Fleur de Lys 2016, auch schon mit 54 Monaten auf der Hefe gesegnet, liefert einen vollmundigen, intensiven Pinot Blanc vom Grand Cru Pfersigberg.

Sylviane Buecher
Sylviane und die kleine Wilde.

Zum Abschluss schenkte uns Sylviane mit verschmitztem Lächeln noch die zwei Aushängeschilder der Domaine ein. Ihr erklärter Liebling ist die Kleine Wilde, La Petite Sauvage 2015, ein reinsortiger Pinot Blanc aus ausgesuchten Lagen. 65 Monate auf der Hefe, dafür eine erstaunliche Zitrusfrische mit mordsmäßig viel Substanz. Nicht minder beeindruckend der Sang Froid 2016, ein beispielhafter Blanc de Noirs von 100 % Pinot Noir mit Eichenholzausbau, 57 Monate auf der Hefe. Ersetzt beinahe eine Mahlzeit.

Fazit: Jede Sekunde dieses Besuchs merkten wir das jahrzehntelange Knowhow und die Handwerkskunst der Familie Buecher, gekrönt von der natürlichen Liebenswürdigkeit, die ein Elsässer Markenzeichen zu sein scheint. Herzlichen Dank, Sylviane, für den genussreichen Vormittag.

Domaine Vincent Stoeffler

Die Stoefflers habe ich auserkoren, die Weine abseits des Erwartbaren in meinem Sortiment zu stellen. Erstens hat der Chef, Vincent, jahrzehntelange Erfahrung in biologischem und biodynamischem Weinbau, und zweitens entwickelt sein Sohn Adrien zusehends seinen eigenständigen Stil in der Nature-Reihe. Daraus entstehen gelungene Naturweine, auch einige Orangeweine befinden sich mittlerweile darunter. So galt auch bei der Verkostung an diesem Freitagnachmittag unser Hauptaugenmerk diesen Varianten.

Wir waren nicht alleine, der Verkostungsraum platzte aus allen Nähten und wurde kurzfristig in den Hof erweitert. Informativ ging es auf alle Fälle zu, bei jedem der 55 (!) Weine gäbe es viele Geschichten zu erzählen. Bewundernswert, wie ruhig und zuvorkommend Sandrine, die erfahrene gute Seele des Hauses und Adrien die durstigen Kehlen versorgten. Wir fanden jedenfalls genug Zeit und Muße, die neuen Weine gemeinsam zu besprechen. Jetzt gibt es einen länger auf den Schalen vergorenen Muscat 2021, den dezidierten Orangewein Feu Follet 2021 (Muscat, Gewürztraminer, Pinot Gris). Beide Weine weisen eine hohe Süffigkeit auf und erfreuen auch den Gaumen ungeübter Orange-Konsumenten, was keineswegs selbstverständlich ist.

Stoeffler Muscat
„Natur“trüber Muscat

Substanzreiche Klasse liefern die Rieslinge des Jahres 2020 aus verschiedenen Lagen, vor allem der Vieilles Vignes und der Kronenbourg sind ob ihrer zischfrischen Salzigkeit sehr beeindruckend. Mal sehen, was auf der nächsten Palette Richtung Wien mitreisen wird.

Um nicht nur im schrägen Stoff zu baden, gönnten wir uns noch den feinen Crémant Blanc de Blancs Extra Brut und den Basisrotwein Pinot Noir Tradition 2021, der gekühlt im Sommer am Balkon unglaublichen Spaß macht.

Voilà, danke, Adrien, dass du mir auf liebenswürdige Art tiefere Einblicke in deine Naturweinphilosophie gewährt hast.


Ihr werdet es schon vermutet haben, das Elsass ist allein weintechnisch eine, nein, zwei, besser drei Reisen wert. Leute, Gegend, Kultur, Wein und Essen verbinden sich zu einem harmonischen und doch aufregenden Genussreigen.

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Sommer Pop up

Der Sommer bahnt sich seinen Weg. Mit den steigenden Temperaturen werden die Weine leichter, liefern aber weiterhin gehaltvollen Genuss. Die französischen Weine dieser Verkostung aus der Sommer-Abteilung sind beste Beispiele dafür.

Wir treffen uns im Zimmer, Piaristengasse 6-8, 1080 Wien, am Donnerstag, 09.06. und Freitag, 10.06.2022, jeweils von 16 bis 21 Uhr.

Verkostungsbeitrag für die Weine: € 10,–/Person bzw. € 1,80/Kostglas für Leute mit weniger Durst und Zeit. Die Mitnahme von Flaschen und eine Bestellung zur Lieferung werden auch möglich sein.

Wir treten wieder in Kooperation mit den Winzerchampagnern von 12point5 auf, die ebenso glas- und flaschenweise zu erwerben sind.

Anreise am besten öffentlich mit Bus 13A, Station Piaristengasse oder Straßenbahn 46, Station Strozzigasse.

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Verkostung Weinfrühling Frankreich

Weinfrühling Verkostung

Der Frühling zieht mit Schwung ins Land – so frisch und fröhlich wie die französischen Weine, die ich Euch gerne in einer zwanglosen Verkostung vorstellen möchte.

Wir treffen uns im Zimmer, Piaristengasse 6-8, 1080 Wien, am Donnerstag, 07.04.2022, 14-21 Uhr.

Verkostungsbeitrag € 10,–/Person bzw. € 1,70/Kostglas für Leute mit weniger Durst und Zeit. Die Mitnahme von Flaschen und Bestellung zur Lieferung werden auch möglich sein.

Anreise am besten öffentlich mit Bus 13A, Station Piaristengasse oder Straßenbahn 46, Station Strozzigasse.

Bis dahin wird der Krieg in der Ukraine hoffentlich schon sein Ende gefunden haben. Die Spendenaktion läuft bei dieser Veranstaltung jedenfalls weiter: Von jeder verkauften Flasche gehen zwei Euro in Hilfsprojekte.

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Trinken gegen das Leid – Spende für die Ukraine

Es war bis vor einigen Tagen noch kaum vorstellbar, welche Zerstörung und welches Leid ein einzelner skrupelloser Mensch, dem die letzten zivilisatorischen Sicherungen durchgebrannt sind, und seine willfährigen Befehlsausführer im Europa von Heute noch verursachen können.

Die Hilferufe, die Bilder und Berichte aus der verzweifelt kämpfenden Ukraine erschüttern massivst, wie wohl die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Zivilbevölkerung in der Welt einem den Glauben an die Menschlichkeit wieder zurückgeben.

Mir ist bewusst, dass es nur ein winzig kleiner Beitrag sein kann, aber Les Dilettants möchte von jeder verkauften Weinflasche einen Euro an Hilfsprojekte in der Ukraine spenden. Diese Aktion gilt vorerst bis Ostern, meine Frau Petra und ich werden den entstehenden Betrag noch verdoppeln. Dann ziehe ich Zwischenbilanz, informiere Euch über die Summe der Hilfsgelder und die Auswahl der Projekte. Ideen Eurerseits sind herzlich willkommen.

Bis dahin überlege ich noch weitere Initiativen und hoffe, dass dieser vollkommene Irrsinn sein schnellstmögliches Ende findet.

Fühlingsweine Ukrainehilfe
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Champagner Pop-up mit Weinbegleitung

Die Zeit nach einem Lockdown will stilvoll genutzt werden. Wir freuen uns auf den ersten gemeinsamen Auftritt mit den Champagnerexperten von 12point5. Das zweitägige Pop-up bietet neben hochwertigen Winzerchampagnern auch gelungene Beispiele der nicht schäumenden Weine aus Chardonnay und Pinot Noir.

Zimmer – Concept Store, Piaristengasse 6-8, 1080 Wien. Montag, 20. und Dienstag, 21.12.2021, jeweils 15-21 Uhr.

Wir schenken glasweise aus. Mitnahme von Flaschen und Bestellung zur Lieferung wird auch möglich sein.

Anreise am besten öffentlich mit Bus 13A, Station Piaristengasse oder Straßenbahn 46, Station Strozzigasse.

Es gilt die Covid-Regel für den Lebensmittelhandel. Bitte seid geimpft oder genesen.

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Burgund und Paris – Teil 2

Stadt und Gastronomie

Von den Weinregionen des ersten Teils geht es nun zu den kulinarischen Begebenheiten.

In der alten Aufteilung der französischen Regionen hat das Burgund nach Korsika und dem Limousin die drittniedrigste Bevölkerungsdichte, größere Städte neben der Hauptstadt Dijon sind nicht vorhanden. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn es ums Einkaufen und um Gastronomiebesuche geht. Ein wenig vorausschauende Planung ist notwendig.

Sitzt man dann in einem anständigen Lokal, ist alles gut. Die burgundische Küche ist bekanntlich sehr schmackhaft, Stichwort Boeuf bourguignon (Weinbegleitung: natürlich Pinot noir). Wir bewegten uns in preislich schmerzfreiem Rahmen. Ein paar Beispiele möchte ich Euch näher bringen, inklusive einer passenden Weinempfehlung für Gerichte dieser Art.

Avallon

Ein sehr angenehmes, quirliges Städtchen am Nordrand des Morvan, sehr fotogen mit seiner Altstadt über einer Schleife des Flusses Cousin gelegen. Die Cuisine Angeline in der Nähe des Museums und des Uhrturms hat sich sehr erfolgreich der französischen Küche mit asiatischen und karibischen Einflüssen verschrieben. Exotische Gewürze stehen hoch im Kurs.

Gazpacho, würzig

Weinbegleitung: nicht einfach, gar nicht einfach, die kühle Säure der Tomaten und der Knoblauch verlangen nach einem säurestarken Wein eher kräftiger Statur. Rosé bietet sich an, aber kein gefälliger Allerwelts-Terrassenwein sondern eigenständiger im Auftreten: Amélie Guillot – Rosée Blanche 2019

Gazpacho

Garnelen auf Thai-Art, mit Karotten und Rettich, scharf

Weinbegleitung: Auch keine leichte Aufgabe, vielleicht ein mittelkräftiger Riesling, am besten gefällt mir ein trockener Weißer aus dem Südwesten, der auch einen Hauch Exotik mitbringt: Domaine Bru-Baché – Jurançon sec 2019

Garnelen Thai

Eintopf mit Saucisson fumé (Räucherwurst), Paprika vom Grill, Reis, Linsen Dal und Chili-Ingwer-Sauce, sehr deftig

Weinbegleitung: Da kommt einiges an Aufgaben auf den Wein zu. Also entweder den körperreichsten Weißwein, den man im Keller hat, oder noch besser ein gestandener Roter mit relativ wenig Tannin: Beaujolais Cru, z:B. Domaine Les Capréoles – l’Hydrophobe 2020

Saucisson fumé

Ananas rôti – Geröstete Ananas mit Ingwer und Karamellcreme

Weinbegleitung: Zweierlei Süße, Säure der Ananas und ein bissl Schärfe, das ist wieder anspruchsvoll. Süßwein, der säuremäßig nicht auf Zack ist, hätte seine Probleme, daher: Agapé – Pinot Gris Vendanges Tardives 2018 bzw. um die Ananas noch zu verstärken, die Allzweckwaffe aus dem Südwesten: Domaine Bru-Baché – Jurançon 2019

Ananas roti

Panna Cotta mit Erdbeeren

Weinbegleitung: Zu teils fruchtigen Desserts trinke ich gern auch Crémant mit erkennbarer Dosage (zugesetzter Süße), besonders vom Pinot Noir mit seinen Aromen von roten Beeren: Agapé – Crémant d’Alsace Brut Rosé

Panna Cotta

Dijon

Tags zuvor noch durch die sehr, sehr einsamen Wälder des Naturparks Morvan gegondelt, war dann der Samstagnachmittag in der umtriebigen Hauptstadt des Burgunds beinahe ein Zivilisationsschock. Alles wuselte durch die Fußgängerzonen und Gassen des Zentrums und ließ es sich in den Cafés und Bistros richtig gutgehen. Für den Abend konnten wir gerade noch einen Tisch im L’Bout d’La Rue reservieren. Dort regiert eindeutig die Miesmuschel .

Moules frites in Senf-Estragon-Sauce

Weinbegleitung: Ahh, großartige Muscheln mit hausgemachten Pommes, dazu würde natürlich ein Muscadet von der Loire-Mündung passen, wir nehmen einen weißen Burgunder ohne Holz, frisch, aber mit genug Struktur, um es mit Senf und Estragon aufzunehmen: La Croix Montjoie – L’impatiente 2019

Moules frites

Eine Empfehlung möchte ich für den Besuch des Kunstmuseums im Herzogspalast aussprechen, frisch renoviert, eine umfangreiche, hochwertige Sammlung und Gratiseintritt!

Paris

War Dijon schon stressig für gechillte Burgundtouristen wie unsereiner, setzte Paris dann gleich neue Maßstäbe. Auch nach mehrmaligen Besuchen dieser Stadt versetzt es mich immer wieder in Erstaunen, wie viel Betrieb in den Straßen herrscht. Gastronomiehotspot ist Paris sowieso, alle Küchen der Welt sind großzügig vertreten.

Im Marais, 4. Arrondissement, stolperten wir hungrig ins Café l’Arsenal, bekannt für Hausmannskost der Auvergne (Zentralmassiv). Die Bedienung war sehr ausbaufähig, um es freundlich zu beschreiben, die Speisen okay bis gut.

Jambon grillé mit Erdäpfelgratin

Weinbegleitung: bei einem Schinken vom Grill käme eigentlich ein einfacher roter Burgunder auf den Tisch, mit dem üppigen Gratin war der dazu gereichte Marcillac aus dem Südwesten gerade recht. Oder ein Malbec: Verdier-Logel – Côt-à-Côté

Jambon grillé

Cheeseburger mit Aligot

Vorweg, Franzosen sind grundsätzlich verdammt gute Burger-Brater, nur mit einem Berg Aligot wird es etwas mühselig. Aligot (eine Art deftiges Erdäpfelpüree mit Käse) kommt aus dem hintersten Zentralmassiv, dem Aubrac. Damit sind die Kuhhirten gut durch die harten Winter gekommen. Bei einer Stadtbesichtigung zieht einen der Ziegel im Magen ziemlich hinunter.

Weinbegleitung: Wegen des Aligot wieder ein knackiger Roter aus dem Südwesten, oder auch von der gegenüberliegenden Seite des Zentralmassivs: Verdier-Logel – La Volcanique 2020

Burger Aligot

Der sehr hemdsärmelige Patron setzt in der Weinbar Le Garde Robe, 1. Arrondissement, gleich südlich der neuen Collection Pinault strikt auf Naturweine. Die Speisekarte ist klein, aber pfiffig.

Pâté de Campagne, Landpastete vom Schwein mit Leber

Weinbegleitung: Wir tranken einen weißen Pet Nat aus dem Roussillon, wild kombiniert, aber stimmig. Klassischer wäre ein Beaujolais, bzw. ein roter Loirewein: Domaine du Mortier – Les Pins 2018

Gnocchi alla napoletana (Tomatensauce mit Basilikum)

Weinbegleitung: Etwas süffiges Rotes aus dem Süden: Domaine des 2 Ânes – Premiers Pas 2020

Noch ein Wort zur neuen Museumsattraktion in Paris, der Pinault Collection. Ewig lang stand die markante Rundhalle der Agrarbörse in bester Lage zwischen Louvre und Les Halles mehr oder weniger leer, der Luxusmarkenmilliardär François Pinault ließ den Kuppelbau zu einem beeindruckenden Museum für seine Sammlung moderner Kunst umgestalten.

Chez Delphine, 9. Arrondissement, quasi ums Eck unserer Standardunterkunft, dem Hôtel France Albion, South Pigalle Das Chez Delphine ist eines jener Lokale, die eine gewissenhafte, kleine, saisonale Karte führen. Die Weinauswahl präsentiert sich auch für den Profi sehr spannend, das Service ist freundlich, umsichtig, flink und unaufdringlich. Auf kleinem Raum sitzt jeder Handgriff, die Speisen sind hochqualitativ – in Anrichtung und Geschmack. Da könnten viele pseudogehobene Restaurants in Österreich in die Lehre gehen. Leider keine Fotos.

Dos de cabillaud (Kabeljaurücken), sanft gegart

Weinbegleitung: Ein Heimspiel für weißen Burgunder, bevorzugt ein Chablis: L&C Poitout – Chablis Bienommée 2019

Bavette mit Braterdäpfel

Ein Flanksteak medium rare, aus dem Bauchlappen des Rindes, eignet sich hervorragend, die Küche eines Lokals zu beurteilen. Wenn Fleischqualität und Zubereitung nicht passen, hat man einen zähen Lappen vor sich. Im Chez Delphine war es butterzart, dazu ein Beaujolais Cru Morgon – ein Gedicht.

Weinbegleitung: rote Burgunder oder Beaujolais Cru mit Substanz, daher: Domaine Les Capréoles – Sous la Croix 2019

Ihr habt es schon geahnt, Paris ist definitiv eine gastronomische und vinophile Reise wert. Die Möglichkeiten, Neues zu entdecken, erscheinen schier endlos. Fahrt hin, im Dezember startet die Nachtzugverbindung von Wien aus.

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Weinverkostung

Les Dilettants goes Yppenmarkt

Der Herbst zieht ins Land, er ist nicht nur die Zeit der Ernte, sondern bei Les Dilettants auch die Zeit der Weinverkostung. Wir können den Bio-Marktstand der Arge Rosenauerwald mitbenutzen und freuen uns auf einen lustigen und genussvollen Nachmittag und Abend am 22. Oktober.

Anreise am besten öffentlich mit der Straßenbahn 44, Station Yppengasse oder U6 Josefstädterstraße. Schlechtwetter hält uns nicht auf, dann wird das Dach ausgefahren. Bestellmöglichkeit am Stand wird es geben.

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Burgund und Paris

Teil 1 – Land

Wohin

Wohin ging eigentlich die Reise an diesen schönen Septembertagen? Nun, in das ländliche, dünn besiedelte Burgund, genauer gesagt in das Departement Yonne im Nordwesten, weit ab der berühmten und superteuren Weinorte an der Côte-d’Or südlich von Dijon.

Petra und ich machten eine Woche Station in St. Père-sous-Vézelay, in einer Ferienwohnung des Manoir du Val en Sel. Sophie Wolliez von meinem Lieferanten Domaine La Croix Montjoie hatte mir den Tipp gegeben, dass bei ihrer Freundin Dominique sehr gut wohnen wäre. Oh ja! Das Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert inmitten prächtiger Gärten ist sehr stilvoll und gleichzeitig gemütlich, man fühlt sich dort sofort wohl. Die Sorge um die fehlenden Weinbegleitung war übrigens unbegründet, eine eigene Abfüllung des L’élégante von Sophie wartete bereits gut gekühlt auf uns.

Weinexkursionen

Vézelay – Domaine La Croix Montjoie

Nach dem fast erfolgten Tod des Weinbaus rund um Vézelay in den 60er Jahren hat sich das kleine, isolierte Weinbaugebiet wieder gut erholt. Im Jahr 2017 wurde das Gebiet der Gemeinden Vézelay, Asquins, St. Père-sous-Vézelay und Tharoiseau in den Rang einer eigenen Appellation gehoben. Diese gilt nur für den Chardonnay, der wenige Rotwein aus Pinot Noir geht in der allgemeinen AOP Bourgogne auf. Eine Handvoll Winzer und eine kleine Genossenschaft bewirtschaften auf gut 100 Hektar verstreut liegende Weinberge in abwechslungsreicher, hügeliger Landschaft. Es zwitschert, kreucht und fleucht überall, der Biodiversität geht es hier gut.

Die imposante romanische Basilika mit ihrem Kapitellzyklus und der Ort selbst sind UNESCO-Weltkulturerbe, ein Segen für die strukturschwache Region, aber manchmal auch ein Fluch, wie uns Sophie in sehr gutem Deutsch erzählte. Wir waren nachmittags zu Besuch auf der Domaine La Croix Montjoie und schauten von der Sonnenterrasse gemeinsam mit Trüffelhündin Raisa entspannt auf den „Ewigen Hügel“. Einerseits kommen doch einige Touristen vorbei und nehmen kistenweise Wein mit, andererseits platzen die Gebäude ob des Erfolgs bereits aus allen Nähten. Größere, sichtbare Umbauten am Gelände werden aufgrund des Welterbestatus nicht genehmigt. Matthieu informierte uns über das Frühjahr mit Spätfrösten und den schwierigen, kühleren Sommer und drohenden Ernteverlusten von 80 Prozent. Das klingt nicht nur dramatisch, sondern kann bei einem zweiten schlechten Jahr in Folge existenzbedrohend werden.

Dann übernahm Sophie wieder das Zepter, geleitete uns schmähführend durch Stahltanklager, Abfüllstation und Fasskeller. Die Barriquefässer bestehen aus Eichenholz des Forêt des Bertranges, an dem wir tags zuvor am Weg zur Loire noch vorbeigefahren waren. Das bringt mich gleich zur anschließenden Verkostung Die bekannten Weine aus dem Sortiment standen bereit, sie waren großartig wie erwartet. Zusätzlich auch der Volupteuse, der Euch bis jetzt vorenthalten wurde und zu 80 % aus alten und 20 % aus neuen Fässern stammt. Die ältesten Reben der Domaine liefern in Kooperation mit dem Holz diesen fülligen Chardonnay, der aber in keiner Phase überpowert. Vielleicht kommt er doch noch ins Programm, er war jedenfalls köstlich. Für die weißen 2020er waren wir leider ein paar Tage zu früh dran, die standen nach traditionell langem Ausbau erst kurz vor der Abfüllung. Der rote Irancy könnte 2021 ein Totalausfall werden. Von zwei Parzellen in Irancy werden normalerweise Trauben zugekauft, zwei Wochen vor Lesebeginn wusste Sophie noch immer nicht, ob sie überhaupt Trauben beziehen könne. Es ist anzuraten, sich jetzt mit dem hervorragenden Stoff einzudecken.

Trotz des klimatisch schwierigen Jahres werden die 21er nach der 3-jährigen Umstellungsphase ihre ersten Weine mit Biozertifizierung. Gratulation, wir freuen uns mit!

Chablis – Domaine L&C Poitout

Chablis ist quasi der Markenname des Chardonnay. Wenn Ihr Chablis bestellt, sollte jeder halbwegs kompetente Weinkellner wissen, was er zu servieren hat, auch wenn kein echter Chablis auf der Karte steht: sehr trockenen, lebhaft knackig-mineralischen Weißwein mit Zitrus-und Apfelnoten. Wir machten meinem Chablis-Lieferanten L&C Poitout die Aufwartung. Louis war auf Vertriebsfahrt im Raum Paris unterwegs, seine Frau Catherine führte uns beredt durch Abfüllanlage und Tanklager. Die Edelstahltanks wurden gerade für den baldigen Lesebeginn gewaschen und vorbereitet. Ein paar Holzfässer machten mich stutzig, da Poitout grundsätzlich keine Eiche an ihren Chablis ranlässt. Catherine eröffnete uns, dass sie jetzt neue Weingärten in der winzigen Nachbarappellation Tonnerre bewirtschaften, was gut so ist, denn in Chablis gab es heuer auch ziemlich starke Frostschäden. In der Verkostung waren die neuen Weine dann das Hauptthema:

  • Bourgogne Tonnerre blanc 2020, 100 % Chardonnay. Sehr direkt, klar, erfrischend mit beachtlicher Säure, Fruchtigkeit im Hintergrund. Ein guter Wein für heiße Tage.
  • Bourgogne rouge Vindemiola 2020, 100 % Pinot Noir. Nicht als Tonnerre deklariert, die Regeln gelten nur für den Weißen. Eine umwerfende Nase nach Weichseln, zusätzlich intensive Frucht am Gaumen (Schwarze Johannisbeere, Himbeere), aber auch ein guter Säurezug. Ein „vin de copain“, ein Kumpelwein, ein Wein in guter Gesellschaft, wie Catherine meint. Da hat sie wohl Recht, jedenfalls entwickelt sich der Wein zusehends zum Renner, vielleicht fallen für mich bei der nächsten Bestellung noch in paar Flaschen ab.

Das Städtchen Chablis ist übrigens touristisch nicht rasend interessant, die Weinberge sind großteils eher technischer als anderer Natur. Muss man nicht wirklich gesehen haben. Den Wein hingegen muss man aber jedenfalls getrunken haben. Mehr Ökologisierung in dieser Weinregion wünsche ich mir, möglicherweise treibt der Klimawandel die Winzer von Chablis notgedrungen in diese Richtung.

Bourgogne Coulanges-la-Vineuse, Bourgogne Côtes d’Auxerre

Südlich von Auxerre, der Hauptstadt des Departements Yonne, liegt linksufrig eine sanfte Hügellandschaft, die hauptsächlich von Kirschbäumen geprägt ist. Kleine, sympathische Dörfer, die Weingärten fügen sich harmonisch ins Landschaftsbild ein, sehr angenehm.

Touristische Highlights sind ziemlich dünn gesät, bis auf die gallo-römische Ausgrabungsstätte in Escolives-Sainte-Camille. 1955 kamen bei der Feldarbeit Sarkophage aus der Merowingerzeit (5. – 8. Jhdt.) zum Vorschein, darunter entdeckten Archäologen Fundamente einer stattlichen römischen Villa mit ausgedehnten Thermen und einem Heiligtum. Als einzige Besucher kamen wir in den Genuss einer Privatführung. In einer besseren Wellblechbaracke lagern hochwertigste Fundstücke aus Jungsteinzeit und Antike. Auf unsere Bemerkung, dass eigentlich der Louvre ein würdigerer Ort für die Exponante wäre, lächelte unser Führer nur bitter und erzählte die Anekdote, dass bei Eröffnung der Stätte die hohen Herren bis zum Kulturminister hinauf zugegen gewesen waren, salbungsvolle Reden geschwungen hatten und seitdem nie wieder gesehen wurden, geschweige denn die versprochenen Finanzmittel. Ohne das Sponsoring durch den größten Weinbauern im Ort müssten sie schon längst zusperren. Weitere vielversprechende Grabungen liegen in ungewisser Zukunft. Wer in der Gegend ist – unbedingt anschauen!

Am Museumseingang rankt ein Weinstock der roten Rebsorte César, die von den Römern eingeführt wurde und ein wenig Rustikalität dem Pinot Noir beifügt. Wir werden ihr in Irancy wieder begegnen.

Beide Appellationen sind klein (120 + 240 ha), ziemlich unbekannt, daher günstig und liefern sehr gefällige Weine, in Weiß natürlich Chardonnay, in Rot Pinot Noir, der Coulanges zusätzlich mit eventuell ein wenig César. Die Coulanges-Weine sind etwas konzentrierter als jene von den Côtes. Auch Rosé bringen die Winzer auf den Markt, eine absolute Rarität im Burgund. Die Domaine Houblin-Vernin in Migé ist mir besonders positiv aufgefallen.

Irancy

Gegenüber am rechten Ufer der Yonne fangen die 190 Hektar Weinberge von Irancy an. Relativ klein strukturierte Weinbergsparzellen mit Obstgärten und Kleingehölzen zeugen von einem guten ökologischen Zustand. Durch die idyllische Lage in einem Talkessel begünstigt, wird hier ausschließlich Rotwein produziert, natürlich Pinot Noir, dem bis zu 10 % César beigemengt werden dürfen, um mehr Tannin in den Wein zu bekommen. Dieses Amphitheater des Weins lässt sich von einigen Aussichtspunkten über dem kompakten Ort wunderbar überblicken. Wir marschierten an einem sehr warmen Spätsommertag durch die beschaulichen Gassen mit ihren vielen Winzerhäusern. Die klimatische Gunstlage war körperlich spürbar, eine schweißtreibende Angelegenheit.

Ein Wein aus Irancy bietet ein sehr fruchtiges Bouquet (vor allem Weichsel und schwarze Johannisbeere). Wer mit festeren Tanninen eines Bordeaux Probleme hat, macht mit einem Irancy garantiert nichts falsch. Sein Säuregehalt sorgt zudem für eine ausgezeichnete Alterungsfähigkeit.

Pouilly-sur-Loire und Pouilly-Fumé

Wir wechselten die Weinregion und bewegten uns aus dem Burgund an die Loire. Sancerre dürfte den meisten Weinkonsumenten ein Begriff sein, Ort und Appellation liegen am linken Ufer, gegenüber am rechten Ufer befindet sich das Gebiet von Pouilly-Fumé. Beide sind für ihren Sauvignon-Blanc bekannt. Fumé (geräuchert) bezieht sich auf den rauchig-mineralischen Ausdruck, den die Weine vermutlich dank des vielen Feuersteins im Boden gerne annehmen. Einen einzigen Pouilly-Fumé hatte ich bis jetzt getrunken, der war eh in Ordnung, aber einer ist bekanntlich keiner. Ich wollte im Forscherdrang also Pouilly-sur-Loire sehen, die Weinberge, die Dörfer, die Gegend, die Stimmung aufnehmen. Gut, der Ort an sich war schnell abgehakt, an einem Sonntagnachmittag irrten nur ein paar E-Biker durch die einsamen Gassen. Die Weinberge waren beeindruckend, leider im negativen Sinn. Akkurat gestutzte Rebzeilen in ziemlich ausgeräumter Landschaft, ideal für die Maschinengängigkeit, eine klassisch verarmte Monokultur, die wohl verdammt viele Hilfsmittel der Chemieindustrie benötigt, um die Erträge zu sichern. Beim Fotohalt wehte mich der Pestizidgeruch beinahe wieder ins Auto rein. Die Böden waren mit freiem Auge erkennbar eine verdichtete, ziemlich tote Masse. Diese Umstände sind in diesem Gebiet leider die Regel, die wenigen Ausnahmen biologisch arbeitender Winzer haben hier einen relativ schweren Stand.

Dabei wäre ein Hort der Biodiversität ja nicht weit. Die Loire darf sich über viele Kilometer in ihrem Flussbett ausbreiten. Nebengerinne, Sand- und Schotterbänke und Auwald in allen Entwicklungsstadien kann man im Naturschutzgebiet von Pouilly auf einem Rundweg gut erkunden. Einem Gewässerökologen aus Österreich treibt es beim Anblick dieser zugelassenen Flussdynamik gewiss die Tränen der Rührung in die Augen. Solche Wasserlandschaften gibt es in unserem Land einfach nicht mehr.

Zwei Probeflaschen besorgten wir uns im örtlichen Tourismusbüro La Tour de Pouilly-Fumé, das auch als Weinmuseum und Shop dient. Vielleicht landet ein Pouilly ja doch noch in meinem Sortiment, mal sehen.

  • Domaine Roger Pabiot – Pouilly Fumé Coteau des Girarmes 2019, 100 % Sauvignon Blanc. Vor allem mineralische Nase mit Heuwiese. Am Gaumen sehr direkt, stahlig und steinig. Erst am zweiten Tag gesellt sich noch Birne dazu. Ein ganz anderer Typ als duftige, fruchtige Sauvignons aus z.B. der Steiermark. Passt jedenfalls sehr gut zu Fisch und Meeresgetier sowie Ziegenkäse.
  • Domaine Cedrick Bardin – Pouilly-sur-Loire 2020, 100 % Chasselas. Die zweite zugelassene Rebsorte ist der Chasselas, der mit nur mehr 30 ha Rebfläche gegenüber den 1.000 ha Sauvignon schwer im Rückgang ist, immer etikettiert als Pouilly-sur-Loire. Er ist ein milder, relativ neutraler Aperitif- und Vorspeisenwein ohne besondere Ansprüche, Kernobstnoten, leicht und süffig gegen den Durst zu trinken. Die Meister des Chasselas sind übrigens die Schweizer, vor allem rund um den Genfer See und im Wallis entstehen teils auch komplexe Weine.

Hiermit endet die Exkursion in Sachen Weinregionen der Bourgogne, in Kürze widmet sich Teil 2 der Stadt, der Gastronomie und der Weinbegleitung.

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